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Das Evangelium – Wenn ein Wort leer wird

Das Wort «Evangelium» heisst frohe Botschaft. Es ist das besondere Kennzeichen aller Kirchen und Denominationen, die sich auf die Reformation berufen. Es suggeriert Klarheit und Identität. Wenn dieses Wort aber leer wird, verliert die Kirche ihre Basis und der Glaube seine Substanz.

Als evangelisch-reformierter Pfarrer der Zürcher Landeskirche habe ich seit Jahren beobachtet, wie Theologen, Mitarbeiter und Freiwillige selbstverständlich und fast reflexartig vom «Evangelium» sprechen, so, als ob allen klar wäre, was damit gemeint sei; entweder um eine konfessionelle Einheit zu beschwören, oder um sich gegen bestimmte politische Meinungen und Richtungen abzugrenzen: Dies oder jenes «widerspricht dem Evangelium», der frohen Botschaft.

Wer eine präzisere zeitgemässe Auskunft verlangt, was die Kernaufgabe der Kirche sei, bekommt seit neuerem die akademisch aufpolierte Formel zu hören: «Kommunikation des Evangeliums». Zur Kommunikation liegen in der Tat hilfreiche Modelle und Theorien vor. Aber was ist damit wirklich gewonnen, wenn «das Evangelium» im Vagen bleibt? Es verkommt zu einer blossen Worthülse, einem Containerbegriff, in den man kirchliche Aktivitäten aller Art hineinpacken kann?

«Im Vertrauen auf das Evangelium»

Mit diesen Worten beginnt die Präambel, die feierliche Einleitung zur aktuellen Kirchenordnung der Evangelisch-reformierten Landeskirche des Kantons Zürich. Das scheint mir ein guter Ausgangspunkt für eine Tiefenbohrung zu sein. «Im Vertrauen auf das Evangelium» ist also die Grundlage des evangelisch-reformierten Christseins. Sie zeigt an, dass man an etwas glaubt, auf eine Sache vertraut, eben auf das Evangelium – offenbar eine zeitlose Grösse, die sich erfahrungsgemäss aber leicht mit ideologischen Inhalten füllen lässt.

Ferner heisst es im Artikel 2.1 der Kirchenordnung: Die Zürcher Landeskirche «besteht aufgrund des Wortes Gottes, das im Evangelium von Jesus Christus Gestalt gefunden hat». Und gemäss Artikel 3.1 ist sie «allein dem Evangelium von Jesus Christus verpflichtet». Damit ist doch das Wichtigste zunächst einmal gesagt; denn Jesus steht ausdrücklich im Mittelpunkt. Er definiert also, worin die frohe Botschaft besteht. Bin ich da nicht etwas voreilig mit meiner Kritik, wenn ich eingangs vom Evangelium als Worthülse gesprochen habe?

Ja durchaus, könnte man meinen. Aber zwei Dinge machen mich stutzig: Zum einen ist der steile Satz in Artikel 2.1, nüchtern und von aussen betrachtet, eine ungeheuerliche Tatsachenbehauptung. Wenn die Kirche als Institution auf dem Wort Gottes «besteht», gründet sie ihre zeitliche Existenz, ihre Daseinsberechtigung, im Ewigen und beansprucht dadurch indirekt absolute Wahrheit. Aber eine Institution oder Körperschaft kann sich als solche nur im Vorläufigen bewegen und nie direkt auf Gott und sein Wort beziehen. Es sind immer nur konkrete Menschen als deren Akteure, die sich im besten Fall darum bemühen. Und wenn man fragt, ob die Kirche dem Wort Gottes gerecht wird und seiner Weisung folgt, besteht sie dann auch den Test? Ja, was ist überhaupt das Wort Gottes? Wäre hier stattdessen nicht mehr Zurückhaltung angebracht? Wenn ein Wort leer wird…

Andererseits täuscht Artikel 3.1 mit der Alleinverpflichtung auf das Evangelium eine Klarheit vor, die bei genauerem Hinsehen wie Sand zwischen den Händen zerrinnt. Artikel 4.2 präzisiert zwar inhaltlich, dass die Reformierte Kirche eintritt «für die Würde des Menschen, die Ehrfurcht vor dem Leben und die Bewahrung der Schöpfung.» Aber das sind, mit Verlaub, wohlklingende, um nicht zu sagen abgedroschene Allgemeinplätze, die zu vieles offen lassen. Was heisst nun, abseits von all diesen Leerformeln, konkret «Evangelium von Jesus Christus»?

Das Evangelium: die frohe Botschaft

«Evangelium» ist ein griechisches Wort und bedeutet, wie gesagt: frohe Botschaft, gute Kunde. Dass auch der römischen Kaiserkult dieses Wort gebrauchte, sei nur am Rande erwähnt. So war zum Beispiel die Nachricht von der Geburt eines neuen Kaisers ein Evangelium.

Die zentrale Stellung des Begriffs Evangelium im Neuen Testament geht auf Jesus selbst zurück. Nach dem Lukasevangelium 4,16-28 hält er in seinem Heimatort Nazareth seine Antrittspredigt, indem er die ersten beiden Verse aus Kapitel 61 des Propheten Jesaja vorliest und dann auslegt. Dabei ist wichtig zu wissen, dass Jesaja sich als einen der Freudenboten oder Evangelisten sieht, die das messianische Friedensreich ankündigen (vgl. Jes 52,7). Alle Menschen werden es erkennen, wenn Menschen und Tiere einander nicht mehr töten, eindrücklich beschrieben in Jesaja 11. Es beginnt dann, wenn der Messias, das ist griechisch: der Christus und deutsch: der Gesalbte Gottes, im Namen des Höchsten auftritt und verkündet:

Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat, den Armen frohe Botschaft [=Evangelium] zu verkünden; er hat mich gesandt, zu heilen, die zerbrochenen Herzens sind, Gefangenen Befreiung zu verkünden und den Blinden, dass sie wieder sehend werden, Zerschlagene in Freiheit zu setzen, um zu verkündigen das angenehme Jahr des Herrn.

Die Pointe seiner Predigt folgt gleich im ersten Satz, nachdem er aus der Schriftrolle vorgelesen hat. Er wendet sich ohne Umschweife direkt an seine Zuhörer: «Heute ist diese Schrift erfüllt vor euren Ohren!» (Lk 4,21b) Sie können es kaum fassen; vor ihnen steht also leibhaftig der verheissene Messias!

Alles andere als ein leeres Wort! Er selbst, mit dem, was er spricht und tut, ist also das Evangelium. Er stellt sich vor als die Anrede Gottes in Person. Wer ist dieser Jesus, dass er mit solcher Vollmacht sprechen kann? Wohlgemerkt, er konstatiert keine unpersönlichen Allgemeinplätze. Vielmehr überbringt er die Botschaft, dass die neue Weltordnung des messianischen Friedens, das Reich Gottes, jetzt beginnt: «So wahr ihr mich hier seht,» vernehmen die Predigthörer, «seid ihr Zeugen, dass genau jetzt beginnt, worauf ihr schon lange gehofft und gewartet habt!» Man spürt förmlich, wie alle, gleichsam vom Blitz getroffen, ungläubig die Luft anhalten. Die Zeit scheint für einen Moment lang stillzustehen, weil die Ewigkeit den Raum erfüllt. Wie weit entfernt ist doch diese zu Herzen gehende Anrede Jesu von der heute unbeteiligten sachlichen Rede über das Evangelium von Jesus Christus!

Gemäss dem Markusevangelium (1,14) beginnt Jesus sein öffentliches Wirken mit folgendem Satz: «Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahe. Tut Buße [kehrt um] und glaubt an das Evangelium!» Auch hier spricht Jesus seine Zuhörer direkt an: «Kehrt um und vertraut der frohen Botschaft!» Das sagt er gerade zu denen, die sich als Teil des Volkes Gottes verstehen und glauben, auf dem richtigen Weg zu sein. Umkehren sollen also gerade sie. Was ist falsch an ihrem bisherigen Weg, und welchen neuen Weg sollen sie denn einschlagen?

Diese Fragen habe ich auch immer wieder gestellt und keine befriedigende Antwort erhalten. Wenn ich jemanden aus dem pietistisch-erwecklichen Umfeld fragte, hörte ich: «Du musst dich bekehren, indem du Jesus als deinen Herrn und Heiland annimmst und glaubst, dass er für deine Sünden gestorben ist und dich durch sein Blut errettet hat.» Hier hatte die Umkehr als Glaubensakt ihr Ziel in der persönlichen Gottesbeziehung. Aus dem bürgerlich-liberalen Umfeld hiess es offener und weniger fromm: «Du brauchst dich nicht mehr über Leistung zu definieren. Gott begegnet dir so wie allen in bedingungsloser Liebe.» Fast etwas selbstbezogen ging es da um individuelle Freiheit und Lebenssinn. Von Umkehr war hingegen gar nicht mehr die Rede. Und aus dem religiös-sozialen Umfeld, das zurecht auf den Mangel an Gerechtigkeitssinn hinwies, kam folgender Aufruf: «Wende dich hin zu den Armen, Schwachen und Randständigen und kehre die ungerechten Verhältnisse und Strukturen um.» Hier mündete die Umkehr in die soziale Verantwortung, die durch ihre Nähe zu sozialistischen und kommunistischen Programmen totalitäre Züge annehmen konnte.

Erst viel später wurde mir klar, dass keiner von den Gefragten versucht hatte, das Evangelium von Jesus Christus genauer auszudeutschen. Dann hätten sie nämlich erkennen müssen, dass Jesus wie alle Propheten vor ihm deshalb zur Umkehr ruft, weil fast alle seiner Zeitgenossen die ursprüngliche Lebensordnung des Ewigen Schöpfers verlassen haben: Sie haben Tiere getötet und damit gegen die ursprünglich Schöpfungsordnung sowie die Vision des messianischen Friedens verstossen. Stattdessen haben die Bibelleser der vergangenen Jahrhunderte die Botschaft von Jesus mit derjenigen des Paulus vermischt und jeweils das herausdestilliert, was dem Erhalt ihrer Kirche oder Glaubensgemeinschaft am besten diente. Dabei haben sie übersehen, dass beide ein ganz anderes Evangelium predigen. Kein Wunder, dass wir heute verwirrt vor einem Scherbenhaufen stehen und die Bruchstücke nicht mehr zusammenbringen.

Wenn man nun die Kirchengeschichte anschaut, dann hat Paulus klar das Rennen gemacht. Schauen wir genauer hin.  

Paulus: kein anderes Evangelium

Der Begriff «Evangelium» kommt in seinen Briefen 60-mal vor, in den ersten drei Evangelien, Matthäus, Markus und Lukas, aber insgesamt nur 10-mal, bei Johannes gar nicht. Dies allein zeigt schon, dass Paulus die dominante Stimme ist. Verrät er damit nicht, dass er durch seine penetranten Wiederholungen wissentlich das ursprüngliche Evangelium von Jesus überstimmt und zudeckt?

Im ersten Brief an die Korinther erinnert Paulus seine Gemeinde an «das Evangelium, das ich euch verkündigt habe, das ihr auch angenommen habt» (15,1). In den folgenden Versen fasst er es zusammen, wie es in späteren Glaubensbekenntnissen seinen Niederschlag gefunden hat:

Wie ich noch zeigen werde, hat Paulus «sein Evangelium» nicht von Menschen aus dem Gefolge Jesu, überhaupt von gar keinem Menschen empfangen, sondern durch eine «Offenbarung». Wenn ich seine Briefe überblicke, kann ich sein Evangelium auf folgende Formel bringen: Jesus Christus, der Sohn Gottes, ist für dich am Kreuz gestorben und wieder auferstanden. Mit seinem Blut hat er für deine Sünden gesühnt, weil du mit deinem eigenen Tun vor Gott niemals gerecht werden und ewiges Leben bekommen kannst. So glaube an das Opfer Jesu, dann wirst du vom ewigen Tod errettet.

Das ist erstaunlich klar und eindeutig. Auf unterschiedliche Weise wiederholt er beharrlich diese Formel und spricht immer wieder absolut von «seinem Evangelium». Unmissverständlich beansprucht er Exklusivität auf seine Botschaft, wenn er die Galater eindringlich ermahnt, «kein anderes Evangelium» zu verkünden und zu glauben (Gal 1,6-9). Ja, wer dieses tue, sei gar verflucht!

Demnach sind alle, die sich vom Blutopfer im Sinne des Paulus distanzieren, verflucht. Das gilt übrigens auch für Jesus, der von sich nie als Sühneopfer gesprochen hat! Stell dir mal grundsätzlich die Frage: Welchen Sinn macht es überhaupt, wenn der Ewige Schöpfer allen Lebens seinen eigenen Sohn, gleichsam sein eigen Fleisch und Blut, töten lassen muss, damit er uns die Sünden vergeben kann? – Verflucht sind aber auch jene, welche mit ihren ausgeklügelten Auslegungskünsten das paulinische Evangelium glätten und kommunikabler machen wollen, etwa so: Gott hat alle Menschen lieb, bedingungslos. Auch du gehörst dazu, egal, wer du bist und woher du kommst. Du musst gar nichts leisten.

Es braucht nicht mehr viel Fantasie, bis man bei der Kurzformel landet: «Ich bin o.k., du bist o.k.», ein zurecht erfolgreicher Buchtitel des US-amerikanischen Psychiaters Thomas A. Harris. Den Mehrwert für die Therapie will ich gar nicht bestreiten. Aber ich frage mich schon, wie es geschehen konnte, dass das grosse Wort «Evangelium» zu einer Leerformel, zu einem Containerbegriff werden konnte, der allerlei gutmenschliche Absichten aufnehmen konnte. Wenn ein Wort leer wird, dazu noch ein so prägendes, muss einiges in beträchtliche Schieflage geraten sein.

Jesus oder Paulus

Ja, du hast recht gelesen; ich stelle Jesus in Opposition zu Paulus. Dadurch öffne ich den Raum für ein anderes Evangelium, genauer: für die Rehabilitierung des ursprünglichen Evangeliums, wie Jesus es verkörpert. Das wäre mir früher nicht im Traum in den Sinn gekommen, habe ich doch über Karl Barth doktoriert, der bei Paulus in die Schule gegangen ist und ihn über Augustin, Anselm, Luther und Calvin im 20. Jahrhundert gross gemacht hat. Dieses Denken ist so bestimmend geworden, dass ich ohne diese Brille die Evangelien gar nicht mehr lesen konnte. Wenn du diese aber nochmals ganz neu und unbefangen liest und dich auf Jesu Reden und Wirken einlässt, dann findest du ganz andere Inhalte und Töne als bei Paulus.

Nochmals, Jesus spricht gemäss den Evangelien nie davon, dass er mit seinem eigenen Blut und Leben die ganze Menschheit erlösen müsse, und dass du nur an ihn als letztgültiges Opfer glauben müssest, um erlöst zu werden. Und er hat übrigens auch niemanden verflucht, der seiner Botschaft und seinem Weg nicht folgen wollte!

Paulus dagegen, der keinen Meter mit Jesus gegangen ist, der ihn nicht einmal gesehen hat, empfiehlt sich damit der Gemeinde in Galatien,

dass das von mir verkündigte Evangelium nicht von Menschen stammt; 12 ich habe es auch nicht von einem Menschen empfangen noch erlernt, sondern durch eine Offenbarung Jesu Christi.

(Gal 1,11f) Ja, er brüstet sich sogar damit, dass er es nach seiner sogenannten Bekehrung nicht für nötig befunden habe, nach Jerusalem zu reisen, um von den Aposteln und Jüngern Jesu zu lernen (vgl. Gal 1,17). Heute würde man sagen, Paulus hat sein Evangelium gechannelt, direkt von Jesus aus der geistigen Welt, dem Jenseits empfangen.

Nicht genug damit. Im folgenden Kapitel setzt er noch einen oben drauf, wenn er Petrus, den Anführer der zwölf Apostel, den er erst viel später trifft, öffentlich zurechtweist. Von sich eingenommen, erinnert er sich: da «widerstand ich ihm ins Angesicht, denn er war im Unrecht.» (Gal 2,11) Er hat also Petrus vor allen blossgestellt. Abgesehen vom inhaltlichen Disput, zeugt dies von einem eklatanten Mangel an Respekt. Überhaupt schert er sich einen Deut um das Zeugnis derer, die zum engen Kreis um Jesus gehört haben (vgl. Gal 2,6).

Halte dir nur mal die Arroganz und Verschlagenheit vor Augen, mit der Paulus sich gegenüber den von Jesus eingesetzten Aposteln als Super-Apostel verkauft, er, der sich bloss auf eine Vision berufen kann. In den vielen Gemeinden, die er gegründet hat, funktioniert das natürlich, weil sie nur seine Darstellung kennen. So erscheint die Stelle, die ich aus 1. Kor 15 zitiert habe, in einem ganz anderen Licht. Paulus empfängt seine Botschaft also nicht von Augenzeugen, sondern in einem subjektiven mystischen Erlebnis. Unklar ist, wer die Stimme wirklich ist, die er dort vernimmt. Um dies zu verschleiern und von seinem Defizit abzulenken – wie ich es heute sehe -, reiht er sich geschickt unter jene ein, denen der auferstandene Jesus erschienen sein soll: Petrus, den zwölf Aposteln, Jakobus und vielen mehr. So erscheint er legitim als letzter in der Folge derer, die das Evangelium von Jesus Christus mit höchster Autorität bezeugen. Die Autorität der Augen- und Ohrenzeugen ist hingegen vom Tisch.

Dass dies für viele, vor allem christliche Ohren abwegig klingt, kann ich verstehen. Bis ich zu diesem Schluss gekommen bin, habe ich übrigens Jahre intensiven Studiums gebraucht und entdecke immer noch neue Hinweise in dieser Richtung. So erwarte ich auch nicht, dass du mir gleich zustimmst, zumal ich noch unzählige Beispiele hinzufügen könnte. Darum versuche fürs erste, deine Vorurteile beiseite zu legen und mit offenem Herzen der ursprünglichen Botschaft von Jesus auf den Grund zu gehen. Das ist übrigens ganz im Sinn der Kirchenordnung Artikel 3.4: «Die Landeskirche prüft und erneuert ihr Lehren und Handeln immer wieder an dem in der Heiligen Schrift bezeugten Wort Gottes.»

Das Evangelium von Jesus: die Ewige Bestimmung

Zum Schluss versuche ich nun, das ursprüngliche Evangelium von Jesus zu skizzieren. Es ist bereits klar, dass der Rückgriff auf Paulus nicht mehr in Frage kommt. Und postmodern weiterwursteln ist erst recht keine Lösung. Dafür ist die Tragweite zu gross.

Indem ich Paulus, dem Grundpfeiler des Christentums, ausdrücklich die Gefolgschaft verweigere, scheine ich mich selbst aus der evangelisch-reformierten Kirche herauszukatapultieren. Das wäre freilich der Fall, wenn diese aufgrund des Evangeliums von Paulus bestünde. Nun ist aber in ihrer Ordnung ausdrücklich das «Evangelium von Jesus Christus» genannt.

Als reformierter Theologe habe ich die Aufgabe, im Ringen um die Wahrheit zurück zu den Quellen zu gehen und die Heilige Schrift auszulegen. Vor allen methodischen Werkzeugen, die mir dabei zur Verfügung stehen, leitet mich das Gebet, das Hören auf den Ewigen, der die Quelle allen Lebens ist. Das habe ich bereits in meiner Dissertation angedacht: «Erkenntnis und Gebet. Die pneumatologische Grundstruktur von Karl Barths dogmatischer Arbeit».

In der Suche nach dem wahren Evangelium bin ich schliesslich dazu geführt worden, gegen «das Evangelium des Paulus» Stellung zu beziehen. Das habe ich unter anderem mit meinem aktuellen Buch getan: «Aufbruch zur Quelle des Lebens. Von der Sehnsucht nach dem Ursprung» Darin habe ich das Evangelium von Jesus mit der «Ewigen Bestimmung» präzisiert. Zwei Hinweise mögen hier genügen:

Wir haben zum einen bereits gesehen, dass sich Jesus auf die Propheten Jesaja und Jeremia beruft. Bei der zentralen Frage nach dem Blutopfer im Tempel und dem Fleischessen insgesamt, lässt er keine Zweifel offen. Er stürmt den Tempel, schmeisst die Tische der Geldwechsler um, lässt alle Opfertiere frei und unterbricht damit für einen Tag das blutige Gemetzel mit den Worten:

Es steht geschrieben: ‘Mein Haus soll ein Bethaus genannt werden!’ [Jes 56,7] Ihr aber habt eine Räuberhöhle daraus gemacht! [Jer 7,11] (Mt 21,13).

Räuberhöhle ist hier falsch übersetzt. Das hebräische Wort paraz bedeutet wörtlich: reissen (von einem wilden Tier), Blut vergiessen und dann abschlachten. Also müsste es korrekt heissen:

Ihr aber habt ein Schlachthaus daraus gemacht!

Die Schlussfolgerung ist übrigens heute historisch gut belegt, dass Jesus, sein Bruder und Nachfolger Jakobus und die gesamte frühe Jesus-Bewegung nach der Vision von Jesaja 11 lebten, dass sie mit anderen Worten Vegetarier waren. Sie waren zunächst bekannt unter dem Namen Ebioniten / Ebionäer oder Nazarener / Nazoräer, nicht als Christen. Sie lebten in Achtung vor allen beseelten Wesen die Ewige Bestimmung. Für einen tieferen Einblick verweise ich auf die hier wegweisenden Gelehrten Robert Eisenman, James D. Tabor und Barth D. Ehrman.

Zum anderen warnt Jesus gegen den Schluss der Bergpredigt, seinem eigentlichen Vermächtnis, ausdrücklich davor, was Paulus später gelehrt hat:

Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr, Herr! wird in das Reich der Himmel eingehen, sondern wer den Willen meines Vaters im Himmel tut. (Mt 7,21)

Ist es doch das Handeln und nicht das Reden eines Menschen, an dem du den Grad seines Bewusstseins, die Integrität seines Glaubens, erkennst. «An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen.» (Mt 7,16) Folgender Satz des Paulus in Römer 10,9 widerspricht dem Gesetz respektive der Weisung Jesu diametral: «Denn wenn du mit deinem Mund Jesus als den Herrn bekennst und in deinem Herzen glaubst, dass Gott ihn aus den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet.» Ja, er spitzt es immer wieder zu wie in Römer 3,28: «So kommen wir nun zu dem Schluss, dass der Mensch durch den Glauben gerechtfertigt wird, ohne Werke des Gesetzes.» (Hervorhebung von mir)

Kein Wort davon, dass der Lebenswandel, die Werke der Liebe, gemäss Jesus den Ausschlag geben und nicht der Glaube! Sagt er doch: «Kehrt um, tut Busse» also ändert euren Lebenswandel, der im Zeichen des Tötens steht, «und glaubt an das Evangelium»! Sein Evangelium führt auf einen neuen, schmalen Weg, auf dem alte, lebensfeindliche Gewohnheiten und Überzeugungen keinen Platz mehr haben. Das Evangelium des Paulus hingegen ist, zugespitzt formuliert, ein innerliches Ereignis, ein privates Bekehrungserlebnis, bei dem du bloss einen mentalen Schalter umlegen musst. Im Grunde ist die Umkehr bei Paulus eine Spitzkehre im Bereich der Hirnwindungen, eine Umlenkung der Gedanken und Gefühle, in der Sprache der Neurolinguistischen Programmierung: ein Refraiming. Jesus hingegen ruft nicht dadurch zur Umkehr, zur Busse, dass er unsere Holzwege umdeutet. Vielmehr möchte er Taten sehen, die aus den erneuerten Gedanken und Gefühlen erwachsen und erst so den Glauben vollständig machen.

Martin Luther bringt dann das Evangelium des Paulus auf die knappe Formel: Werke oder Glauben, freier Wille oder Gnade, Gesetz oder Evangelium. Verloren geht dabei der Kern von Jesu Botschaft, dass das Evangelium gerade darin besteht, das Gesetz des Lebens mit dem Herzen aus freien Stücken anzunehmen und mit seinen Werken zu befolgen. Das so verstandene Gesetz ist also das Evangelium! Das ist kein Moralprogramm, sondern eine spirituelle Einsicht, die das ganze Leben erfasst und verwandelt. Jeder entscheidet selbst in Freiheit, ob er dem Weg Jesu folgen will. Nicht umsonst haben sich die ersten Nachfolger Jesu gemäss der Apostelgeschichte auch «Der Weg» genannt (Apg 9,2 u. a.).

Verglichen mit dem Evangelium von Jesus, ist jenes von Paulus massentauglich, da es im wesentlichen Punkt, nämlich der Ernährung, der Einverleibung, keinen leibhaftigen, sichtbaren Wandel verlangt, sondern lediglich eine psychische Anpassung. Jeder kann überall und jederzeit Fleisch essen, wenn er es für richtig hält. Die sozialen, religiösen und wirtschaftlichen Bezüge bleiben dabei unangetastet. Bei der Tischgemeinschaft fällst du nicht aus dem Rahmen, im religiösen Umfeld, in deiner Glaubensgemeinschaft, kannst du mit Toleranz glänzen und für die Fleischwirtschaft, die allein in der Schweiz einen Jahresumsatz von 10 Milliarden Franken generiert, bist du keine Bedrohung.

Freilich ist mir bekannt, dass Paulus im Galaterbrief auch Tugenden wie Liebe, Freude, Friede etc. als «Frucht des Geistes» erwähnt (5,22-26), die allerdings sehr allgemein und unbestimmt gehalten sind. Entscheidend ist der Ansatzpunkt, die Betonung: Allein der Glaube genügt! Was vor allem zählt, ist das, worauf du vertraust und was du für richtig hältst. Auf dieser Spur gewann die Kirche nach und nach Lufthoheit über die Innenwelt ihrer Schäfchen, indem sie den rechten Glauben prüfte, intimste Geständnisse entlockte, für schuldig erklärte und dann Vergebung zusprach. Die Beichte, auch Busssakrament genannt, wurde zum Steuerungsinstrument ihrer Wahl. So erlangte sie totale Kontrolle. Dieser Mechanismus ist schon lange nicht mehr auf die katholische Kirche und ihre Beichte beschränkt. Die protestantischen Kirchen haben mit ihrer Betonung des persönlichen Glaubens einen Prozess in Gang gesetzt, der heute die ganze Gesellschaft erfasst hat: Es zählt allein, ob du das richtige denkst und sprichst, ob deine Meinung keine Gefühle verletzen könnte. Wie du aber lebst, ist allein dir überlassen. Das bedeutet: Toleranz im Lebenswandel, Intoleranz im Glauben. Ein falsches Wort, und du bist weg. Dies wäre jedoch ein Thema für einen neuen Artikel.

Wenn ein Wort leer wird, verliert es seine Substanz und tönt wie eine hohle Nuss, klappernd und schrill. Von einer nahrhaften zunächst nicht unterscheidbar, ist sie aber unfruchtbar und beginnt, sobald sie fruchtbaren Boden berührt, zu verfaulen. Kein anderes Evangelium als das ursprünglich von Jesus verkörperte vermag uns aber zum ewigen Leben zu erwecken.

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